Die Universität und das Prekariat: Über die Un-Sicherheit der „exzellenten (Jung-)wissenschafterInnen“ – eine kritische Reflexion

„Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an!“[1], so betitelte der Der Standard Ende April 2014 das vieldiskutierte Interview mit der Vize-Rektorin der Universität Wien, Susanne Weigelin-Schwiedrzik, die Unsicherheit für „exzellente“ JungwissenschafterInnen nachgerade „als Motor“ deren Erfolgs betrachtet – denn: „Die Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an, und mit jeder Höchstleistung gewinnt man wiederum an Sicherheit dazu.“ Auf der Basis von Texten von Judith Butler und Isabel Lorey versuche ich mich im Folgenden an einer kritischen Reflexion auf diesen Satz, den ich als Aussage innerhalb eines universitätspolitischen Diskurses zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt verstehe. Die Aussage hat Teil an der diskursiven Hervorbringung von Wissen und den Regeln darüber, wie Höchstleistungen erreicht werden können/sollen, die notwendig sind, um an Universitäten zu reüssieren.[2]

Interessant ist in im Zusammenhang mit diesen Technologien des Selbst auch der Begriff ‚Un-Sicherheit‘. Wer Wissenschaft als Beruf wählt erweist sich im Rahmen der Aussage, auf die ich mich beziehe, als Teil einer Gruppe von Menschen, die zwar über keine gesicherte Berufsaussicht verfügt, jedoch Aussicht hat auf eine ‚andere‘ Art von Sicherheit. Die Bedeutung des Begriffs wird verschoben, vermeintlich geht es um den Erwerb einer Sicherheit, die dazu dient, die eigene Karriere zielgerichtet, konsequent und ich-orientiert zu verfolgen. Unsicherheit führt zu Höchstleistungen, die wiederum zur Vermehrung der eigenen Sicherheit beiträgt. Doch sieht die Realität für den Großteil der Menschen auf dem Weg einer akademischen Laufbahn anders aus, denn: von welcher Sicherheit ist hier eigentlich die Rede? Sicherheit etwa über das eigene Durchhaltevermögen, über das Leben am Existenzminium, häufig ohne Sozial- und Krankenversicherung. Sicherheit darüber, wiederum nicht sicher sein zu können, im nächsten Semester einen Lehrauftrag, im nächsten Jahr das nächste Projekt zu bewilligt zu bekommen, die nächste Qualifikationsschrift zu schaffen. Sicherheit darüber, die Unsicherheit zu ertragen, psychisch wie physisch. Müssen wir diese Art von Sicherheit –  als Garant für Erfolg – im Sinne eines ‚survial of the fittest‘ verstehen? Sicher ist, dass diese Unsicherheiten, die hier überdies als selbstbestimmter und eigenverantwortlicher Weg zur Sicherheit beschrieben werden („Wer Wissenschaft als Beruf wählt, sollte jedenfalls die Bereitschaft haben, das über einen längeren Zeitraum zu ertragen.“), die Betroffenen  prekär und damit höchst verletzlich  machen.

Doch was bedeutet es, prekär zu leben? Isabel Lorey fasst das Prekäre mit Judith Butler als Unsicherheit und Verletzbarkeit, als Verunsicherung und Gefährdung, es „stellt in historisch unterschiedlicher Weise die Bedingung wie auch den Effekt von Herrschaft und Sicherheit dar“.[3] In welchem Rahmen ist nun eine (wissenschafts-)politische Haltung verortbar, die Unsicherheit, Verletzbarkeit, gefährdete Existenz als Basis oder Motor für Erfolg ansieht? Es ist eine der Grundideen des Neoliberalismus, dass bestimmte Personen- bzw. Bevölkerungsgruppen für die prekäre Lage oder ihre zunehmende Prekarisierung selbst verantwortlich sind, weil sie offenbar nicht schaffen, was anderen sehr wohl gelingt. Dass zumindest einige es schaffen, könnte zwar, rein theoretisch, Zufall sein. Meistens liegen die Gründe für den Erfolg aber dann doch, wie es die folgende Zeile im Interview nahelegt, in der Leistung: „Aber so ganz zufällig ist es dann meist doch nicht, dass gerade sie es waren, die eine Professur bekamen. Es gibt kaum ein System, das so meritokratisch, also an Leistung orientiert ist, wie die Wissenschaft.“[4]

Hier wird suggeriert, dass es wohl doch an der eigenen Leistung liegt, ob man das Leben als schlechtbezahlte Lektorin, als überlasteter Senior Lecturer, als eine im Kettenvertrag gefangene Projektmitarbeiterin fristet oder doch, wohlfeil und abgesichert, im ProfessorInnenstand. Es wird wohl seine Gründe haben, es werden die Leistungen (Meriten) doch nicht ausreichend gewesen sein. Doch dies ist keinesfalls evident, liegt doch zwischen denen, die es schaffen und denen, die am Rande des Systems leben und arbeiten, selten ein Unterschied in der Qualifikation, oft jedoch einer im Hinblick auf die Verfügbarkeit verschiedener Kapitalformen (Bourdieu), die mit Herkunft, sozialen Settings, finanzieller Ausstattung, Beziehungen, Flexibilität, Mobilität und nicht zuletzt mit einem Verstehen der Strukturen der Universität zusammenhängen. Es sind dies allesamt Faktoren, die eher über die Frage der sozialen Durchlässigkeit des Systems Universität/Wissenschaft erklärbar sind, als mit persönlicher Leistung und Engagement für die Wissenschaft. Tatsache ist, dass diejenigen, die es nicht schaffen, obwohl sie exzellente Forschung und Lehre betreiben, obwohl sie Prae- und Postdoc-Erfahrung aufweisen, Konferenzen organisiert und weltweit besucht haben, Papers publiziert, Preise und Stipendien gewonnen haben, unter Bedingungen leben (müssen), die weder Stabilität und Sicherheit garantieren.

Betrachtet man nun die Gruppe derer genauer, die unter dem Begriff der exzellenten „JungwissenschafterInnen“ versammelt sind,  so sind vor allem jene angesprochen, die, während sie  um ihre Existenz im Wissenschaftsbetrieb  zu kämpfen haben, gleichzeitig das Funktionieren dieser Universität garantieren – als (in verschiedenen Abstufungen) billige, engagierte, oftmals am Rande der Selbstausbeutung agierende Gruppe. Im Pool des potentiellen oder auch tatsächlichen Prekariats befinden sich Prädocs im Dienste von sogenannten ‚ordentlichen‘ ProfessorInnen oder auf Projektstellen,  Postdocs ohne Laufbahnstellen in Projekten oder Instituten, Senior Lecturer in der Hoffnung, nach etlichen ‚Probejahren‘ unbefristete Dienstverträge zu erhalten sowie Hundertscharen von Lehrbeauftragten, die mit einigen wenigen Lehraufträgen pro Semester oder Jahr, haupt- oder nebenberuflich, ihr Dasein fristen müssen. All diese Personengruppen kämpfen um ein lebbares Leben als WissenschaftlerInnen in einem Feld, das konstitutiv von Mechanismen des Ein- und Ausschlusses geprägt ist und keine Sicherheit bietet, außer vielleicht im Hinblick auf jene nachgerade verletzende Facette, dass genau dieser permanente Zustand der Unsicherheit Sicherheit zu erzeugen vermag (siehe oben). Zugleich müssen die Betroffenen mit dem beständigen Gefühl leben, letztlich austauschbar und ersetzbar zu sein – selbst wenn sie hervorragende Leistungen in der Lehre bringen, selbst wenn sie, z.B. im Rahmen von durch den FWF geförderten ‚Exzellenzprojekten‘, an die Universität kommen und zu deren Erfolg beitragen. Über die Hälfte der Forschungsleistung an der Universität Wien etwa wird über Drittmittel finanziert. Die darin beschäftigten Personen leben meist von einem Projekt zum nächsten in einer permanenten Unsicherheit, die sie tatsächlich zu konstanten ‚Höchstleistungen‘ zwingt, denn nichts anderes erfordert, je nach Karrierestufe, die Antragstellung oder Mitantragstellung.

Die durch dieses System erzeugte Unsicherheit und ständig drohende Ersetzbarkeit zwingt die Betroffenen zudem zur unbedingten Mobilität und dazu, sich in der ganzen Welt bewerben zu müssen – was einer (indirekten) Empfehlung zum Auswandern gleichkommt. Unter solchen Bedingungen erzwungener Abwanderung (brain drain) im Geiste des Neoliberalismus (man kann es überall schaffen, wenn man nur will!) entsteht ein weltweit verfügbarer Pool an WissensarbeiterInnen, die im ständigen Überlebenskampf zu Lohndumping und Selbstausbeutung gezwungen sind – ohne Aussicht auf eine sichere Zukunft, dafür aber mit einem Gefühl eines beschädigten Lebens und einem latent brüchigem Selbstwertgefühl als WissenschaftlerIn und Individuum. Dies auch deshalb, weil das (erlernte) Selbstverständnis als WissenschaftlerIn  innerhalb der Struktur Universität und des Wissenschaftsmarkts wiederum gebunden ist an eine fixe oder, wie es oft heißt, ‚entfristete‘ Arbeitsstelle einerseits, also an das Drinnen-Sein und nicht Draußen-Sein („Interne“ vs. „Externe“), sowie andererseits an das Erreichen genau der Position, über die nur wenige verfügen, die der ‚ordentlichen‘ Professur (hier kann Deutschland, noch vor Österreich, als Negativbeispiel genannt werden) bzw., mit großen Einschränkungen hinsichtlich des symbolischen und auch tatsächlichen Kapitals (Ausstattung, Personal), die der assoziierten Professur auf der Basis einer Laufbahnstelle.

Eine weitere hierarchisierende Trennung oder Spaltung erfolgt über die Zurechnung zu den sogenannten ‚Kurien‘. Dabei handelt es sich um eine Art veraltetes und verkrustetes Kastensystem, das die Entscheidungsstrukturen und Hierarchien der Universität maßgeblich prägt und das selbst der Österreichische Wissenschaftsrat dringend empfiehlt abzuschaffen. Im Gegensatz dazu sollten die Governance-Strukturen der Universität grundlegend verändert werden und neue Partizipationsformen geschaffen werden. Die Gründe: die starren Hierarchien ständisch organisierter Gruppen entsprechen nicht mehr der Wirklichkeit des heutigen Wissenschaftsbetriebs mit differenzierten Karriereverläufen, abgestuften Graden wissenschaftlicher Selbstständigkeit und unterschiedlichen Funktionen im Wissenschaftsmanagement. Das prominenteste Dokument, das eine einschlägige Empfehlung abgibt, ist die Europäische Charta für ForscherInnen, die, wie es Walter Berka hervorhebt,

mehr als 1.000 europäische Universitäten, darunter auch alle österreichischen Universitäten, unterschrieben haben. Sie haben sich damit zur Anerkennung eines einheitlichen Berufs der Forscherin/des Forschers verpflichtet: Alle Forscher/innen, die eine Forschungslaufbahn eingeschlagen haben, sollen als Angehörige einer Berufsgruppe anerkannt und entsprechend behandelt werden.[5]

Diese wünschenswerte Anerkennung und Enthierarchisierung ist eng gekoppelt an Motivation und Produktivität der WissenschafterInnen. Fakt ist, dass in Österreich, wie im gesamten deutschsprachigen Raum, die Uhren noch immer anders ticken. ‚Unterhalb‘ der ordentlichen Professur existiert ein unübersichtlicher, über zahlreiche Job- und Berufsbezeichnungen zersplitterter ‚Mittelbau‘, dessen größter Anteil durch das, wie es bereits öfter bezeichnet wird, ‚akademische Proletariat‘ (LektorInnen aller Qualifikationsstufen) definiert ist. ‚Zufrieden‘ können allenfalls diejenigen sein, die über jegliche Formen entfristeter Arbeitsverträge verfügen, sei es die Professur oder auch alle anderen Formen von Professuren (A.o. Prof., Ass.-Prof., Assoz.-Prof.), sei es die Stelle als Senior Scientist oder Senior Lecturer. In welche Richtung die Würfel fallen kann nahezu als kontingent betrachtet werden. In der momentan zu beobachtenden Situation scheint es, als ob jede/r nimmt, was er/sie bekommen kann, also auch besagte ‚exzellente‘ ForscherInnen rangeln um schlechtbezahlte Senior Lecturer Stellen (‚HochschullehrerInnenstellen‘ mit 14 Stunden Lehrdeputat). Warum das so ist? Weil es ums veritable Überleben geht und die Anzahl all dieser Stellen nicht steigt, sondern eher sinkt im Verhältnis zu den befristeten Dienstverhältnissen.

Das liegt nun zum einen sicherlich an der desaströsen finanziellen Ausstattung der Universitäten – ein Zustand, der in Richtung der Regierung des Landes unbedingt und vehement zu kritisieren ist. Zum anderen verfolgen viele Universitätsleitungen tendenziell die Politik, die ohnehin knappen Ressourcen etwa in teure Neuberufungen von ProfessorInnen zu stecken. Das führt nicht nur zu einer weiteren Verknappung der Mittel, sondern zur einer extremen Schieflage in der  Personalstruktur der Universitäten. Wer auf der Strecke bleibt ist der diffuse Mittelbau mit den schwächsten und dabei systemerhaltenden Gliedern. Wie Universitäten ihre Gelder grundsätzlich einsetzen dürfen/können/müssen wäre ein weiterer interessanter Diskussionspunkt innerhalb dieser Debatte.

Was kann nun aber der Grund dafür sein, andere in einer Position der Schwäche und Abhängigkeit zu halten, sie ins akademische Hamsterrad zu zwingen und sie damit zugleich politisch zum Schweigen zu bringen, wäre es doch fatal  sich zu wehren und die Stimme zu erheben,  und damit  den nächsten Job, den nächste Lehrauftrag, sei er auch noch so schlecht bezahlt, aufs Spiel zu setzen? Grundlage für diese permanente Gefährdung im Wissenschaftsbetrieb (eine Gefährdung, die auf breiterer Ebene als gesellschaftspolitische Tendenz spürbar wird), ist, hier argumentiert mit Lorey,

dass Prekarisierung im Neoliberalismus nicht mehr als ein Phänomen der ‚Ausnahme’ wahrgenommen werden kann, sondern sich in einem Normalisierungsprozess befindet, der Regieren durch Unsicherheit ermöglicht. […] Die liberale Regierungsweise produziert Prekaritäten als ökonomische, soziale und rechtliche Ungleichheitsverhältnisse durch systematische Kategorisierungen und Hierarchisierungen.[6]

Das heißt, dass genau dieser prekäre Status systemerhaltend wirkt und dass diejenigen, die in einer Situation der Verletzlichkeit, des Prekariats leben, auf fatale und unerträgliche Weise an diejenigen gebunden sind, abhängig sind, die sie in diese Situation bringen und diese Abhängigkeit taktisch ausnutzen  (Butler).

Fassen wir zusammen: Prekarität bedeutet Hierarchisierungen, Ungleichheitsverhältnisse, Positionierungen der Unsicherheit, die mit steten Prozessen der Distanzierung und Differenzierung zu anderen Gruppen verbunden sind, um die eigene Position zu stärken. Dies betrifft in meiner Argumentation sowohl die hierarchische Opposition der Angestellten mit/ohne Befristung als auch die Opposition ProfessorInnenkurie/Mittelbaukurie an der Universität bzw. im Wissenschaftsbetrieb. Der jeweils schwächere Part bildet das konstitutive Außen, ist damit immanent mit den Machtverhältnissen des Zentrums verwoben, das sich seine Macht und Legitimation durch Strategien der Marginalisierung bzw. des Ausschlusses erhält. Auf der Basis gleichsam naturalisierter Herrschaftsverhältnisse wird die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entweder ermöglicht oder verwehrt.

Die Frage, die sich an diesem Punkt unvermeidlich stellt, ist, welche Notwendigkeiten und Handlungsmöglichkeiten sich angesichts des oben Dargelegten ergeben – für beide Seiten der in Prekarität verwobenen Teile eines bestimmten sozialen Systems, wie es etwa dem der Wissenschaft und mit ihr dem der Universität und den in ihr arbeitenden, von ihr abhängigen Menschen. Denn, wie es scheint, ist es doch eine geteilte, wechselseitige Abhängigkeit. Judith Butler plädiert unter anderem für soziale Vernetzungen, wie etwa Demonstrationen, Kundgebungen, gemeinsamen Aktivismus (street politics) als effektiver Formen der Solidarisierung. Doch diese Aktivismen implizieren ein Sich-Aussetzen, Sich-Verletzbar-Machen, der Akt der Solidarisierung erweist sich oftmals als Hürde, wird doch gerade in der neoliberalen Dynamik gouvernementaler Prekarisierung mit Angst operiert. Genau diese Angst existenzieller Verletzbarkeit ausgeliefert zu sein, erzeugt den ununterbrochenen Wettlauf um die erhoffte bessere Sicherung des eigenen Lebens. Dass ein nachhaltig besseres Leben allerdings niemals eine individuelle Angelegenheit sein kann, sondern immer nur gemeinsam mit anderen erreicht werden kann, wird systematisch ausgeblendet.

Soziale Praxen, die sich nicht nur auf die eigenen Interessen  richten, sondern das Zusammenleben und das gemeinsame politische Handeln im Blick haben, treten mehr und mehr in den Hintergrund und werden als gelebte Realität immer unvorstellbarer. Butlers Ansatz über die Anerkennung einer gemeinsamen Prekarität,  Verbundenheit und Solidarität eine Grundlage des Politischen zu erwirken, würde jedoch, wie Lorey argumentiert, zu kurz greifen und allzu sehr die oppressive Seite der Prekarität und damit auch der Macht betonen, damit zudem Strategien der Selbstermächtigung und Selbstregierung nicht ausreichend in Betracht ziehen.  Lorey verweist unter anderem auf Bündnisse zwischen prekären KulturproduzentInnen, WissensarbeiterInnen, MigrantInnenorganisationen, Arbeitsloseninitiativen, Organisierungen von illegalisierten Personen oder auch Gewerkschaften. Die kritischen Diskurse und widerständigen Praxen, die von diesen Bündnissen ausgehen, könnten auf das Gemeinsame fokussieren, alternative Formen der Wissensproduktion würden sich entwickeln lassen und wiederum dafür eingesetzt werden, die Produktivität prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse zur Veränderung von Regierungsweisen (wie jene der Universitäten) zu nutzen, um sie gemeinsam zurückzuweisen.[7] Es wäre abzuwarten, was passierte, würden sich all jene, die sich prekären Lebensverhältnissen ausgesetzt sehen, dem herrschenden Wissenschaftssystem, das diese verursacht, verweigern. Viel produktiver wäre es jedoch, wenn das System, wie etwa eine Universität, das eigene Funktionieren hinterfragen und selbst Solidarität leben würde, in Sorge um sich selbst und die anderen, im Bekenntnis für ein gutes Leben für sich selbst und die ‚Anderen‘, in Anerkennung einer anderen ‚Sicherheit‘ als jener, die den Ausgangspunkt für diese Reflexion abgegeben hat, in Anerkennung der Notwendigkeit eines ‚guten Lebens‘:

Soll ich ein gutes Leben führen, dann wird es ein Leben gemeinsam mit anderen sein, ein Leben, das ohne diese anderen gar kein Leben wäre. Ich verliere dabei nicht dieses Ich, das ich bin; wer immer ich bin, verwandelt sich im Bezug zu den anderen, da ich, um zu leben und gut zu leben, notwendig von anderen abhängig und auf andere angewiesen bin. Unsere geteilte Prekarität ist nur eine Bedingung unserer potenziellen Gleichheit und unserer wechselseitigen Verpflichtung zur gemeinsamen Schaffung der Bedingungen für ein lebbares Leben. Indem wir uns eingestehen, dass wir einander brauchen, bekennen wir uns zugleich zu grundlegenden Prinzipien der sozialen und demokratischen Bedingungen dessen, was wir als „das gute Leben“ bezeichnen könnten.[8]

Abschließen möchte ich meine Argumentation, die sich aus der gemeinsamen Diskussion und Reflexion mit all jenen entwickelt hat, die ich an der Universität Wien vertrete – als Betriebsrätin,  als Sprecherin der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, als Mitglied des Arbeitskreises für Gleichbehandlung sowie mit FreundInnen und KollegInnen, allesamt engagiert für und in Sorge um die Entwicklung der Arbeitswelt Universität/Wissenschaft –  mit einem Plädoyer:

  • für die Veränderung der universitären Governance-Strukturen
  • für die Einführung neuer Partizipationsformen
  • für die Abschaffung der letzten Relikte  der unzeitgemäßen Kurienuniversität
  • für planbare Karrieren
  • für ein Verhindern des ‚brain drains‘
  • für ein „gutes Leben“.

Anna Babka / Oktober 2015

 

Literatur:

Berka, Walter: „Was heißt Mitverantwortung im Wissenschaftsbetrieb?“, in: Neue@Hochschulzeitung 1, 2013, 5-8.

Butler, Judith: „Judith Butlers Dankesrede Kann man ein gutes Leben im schlechten führen?“, in: Frankfurter Rundschau 15.Sept., 2012 http://www.fr-online.de/kultur/judith-butlers-dankesrede-kann-man-ein-gutes-leben-im-schlechten-fuehren-,1472786,17255122.html.

Lorey, Isabell: „Gouvernementale Prekarisierung http://eipcp.net/transversal/0811/lorey/de/print“, in, 2011.

Taschwer, Klaus: „‚Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an‘, Interview mit Susanne Weigelin Schwiedrzik“, in: Der Standard 20.4.2014, 2014 http://derstandard.at/1397522040137/Unsicherheit-stachelt-zu-Hoechstleistungen-an.

 

 

[1] Klaus Taschwer, „‚Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an‘, Interview mit Susanne Weigelin Schwiedrzik“, in: Der Standard 20.4.2014, 2014.

[2] Vgl. dazu auch die Ausführungen von Tobias Peter hier im Band, der sich der Frage zeitgenössischer Gouvernementalität und der diskursiven Wucht des Exzellenzdiskurses widmet, der vorschreibt, wie sich der universitäre Nachwuchs verhalten soll, was akzeptabel ist oder auch nicht.

[3] Isabell Lorey, „Gouvernementale Prekarisierung http://eipcp.net/transversal/0811/lorey/de/print“, 2011.

[4] Taschwer, „‚Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an‘, Interview mit Susanne Weigelin Schwiedrzik“.

[5] Walter Berka, „Was heißt Mitverantwortung im Wissenschafts betrieb?“, in: Neue@Hochschulzeitung 1, 2013, S.6.

[6] Lorey, „Gouvernementale Prekarisierung http://eipcp.net/transversal/0811/lorey/de/print“.

[7] Vgl. Lorey, „Gouvernementale Prekarisierung http://eipcp.net/transversal/0811/lorey/de/print“.

[8] Judith Butler, „Judith Butlers Dankesrede Kann man ein gutes Leben im schlechten führen?“, in: Frankfurter Rundschau 15.Sept., 2012.

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